„Ich spiele sehr gern mit der Sprache." Im Gespräch mit mit Andreas Grimm, Gewinner des 1. Poetry Slams im Jugendhaus Mitte in Stuttgart

Von Eva Jacob

Das Jugendhaus Mitte veranstaltete am 6. April 2006 seinen ersten Poetry Slam. Dort präsentierten Dichter und Schreiberlinge innerhalb eines festgelegten Zeitlimits von 7 Minuten eigens produzierte Texte, die sie dann je nach Belieben frei, aber auf jeden Fall ohne jegliche Hilfsmittel wie Musik oder Kostüme vortrugen.

Andreas Grimm war der Gewinner und erklärte sich im Nachhinein spontan zu einem Interview bereit.

 

Schön, dass du dir Zeit für ein Gespräch mit uns genommen hast. Erst einmal „Gratulation“ zum Erfolg.

Ist das etwas Besonderes für dich?

 „Naja, ich hab schon bei einigen Poetry Slams teilgenommen und auch schon einige gewonnen.“

Und wie viele waren das?

„Oh, keine Ahnung. Mitgemacht habe ich bestimmt schon bei vielleicht 200. Gewonnen davon…- Das waren dann vielleicht so zwischen 50-100. Kann ich nur schätzen.“

 

Klingt nach einer ganz guten Rate.
Wir möchten in diesem Interview speziell mehr über dich erfahren, deinen Werdegang und deine Zukunftsvorstellungen durchleuchten.
Wir wollen wissen, wie man dazu kommt eigene Texte zu verfassen und sie vor allem öffentlich z.B. bei einem Poetry Slam zu publizieren.

Also, wie sah bis jetzt dein schulischer und beruflicher Werdegang aus. Du bist jetzt 33 Jahre alt- was hast du bis jetzt gemacht/ tust du gerade?

„Ich war auf dem Gymnasium, habe es aber dann, nachdem ich mehrere Male die Klassen wieder holen musste, nach der 10. Klasse abgebrochen. Danach wollte ich eine handwerkliche Richtung einschlagen und bin Maler geworden. Dort habe ich aber leider gemerkt, dass ich zwei linke Hände habe, quasi für so einen Beruf ungeeignet bin. Ich war dann beim Zivildienst in Hamburg, habe eine Zeit lang als Theatermaler gearbeitet und ein paar mal bei Schauspielschulen vorgesprochen, bin dort aber immer abgelehnt worden.

Schließlich habe ich mein Abitur nachgeholt und möchte nun in Richtung Geisteswissenschaften studieren. Im Moment bin ich aber arbeitslos.“

 

Wann hast du angefangen eigene Texte zu verfassen? Woran schließlich gemerkt, dass ein handwerklicher Beruf nichts für dich ist?

„Ich schrieb meine erste kleine Geschichte mit neun Jahren. Ja, so hat es begonnen. Später und noch immer las und lese ich sehr viel, auch philosophische Bücher. Ich mache eigene Musik, in die ich meine Texte einbringen kann und spiel auch Theater. Ich glaube, dass drückt aus, wie fremd mir eigentlich das Handwerk ist. Vor 10 Jahren dann, bin ich einer Literaturgruppe beigetreten und habe auch Lesungen z.B. bei den Stuttgarter Buchwochen gehalten.“

Lesungen zu halten oder bei einem Poetry Slam mitzumachen sind unterschiedliche Wege, seine Texte einem Publikum vorzustellen. Welchen bevorzugst du?

„Bei den Stuttgarter Buchwochen war das Publikum immer sehr reserviert und konventionell. Beim Poetry Slam bekomme ich hingegen ein Feedback- das ist mir wichtig. Es gibt viele Sachen, die man öffentlich vortragen kann, jedoch ist nicht jeder dafür empfänglich.“

 

Warum? Welche Reaktionen von den Zuhörern hast du bis jetzt erlebt?

„Ich spiele sehr gern mit der Sprache. Dass kommt nicht bei jedem gut an- z.B. wenn die Leute einfach nicht verstehen, was ich meine. Außerdem wird beim Poetry Slam auf Unterhaltung Wert gelegt, d.h. du kannst eigentlich nur mit humoristischen Texten und Satire gewinnen. Die Leute möchten lachen.

Deswegen versuche ich eine Kompromiss aus Unterhaltung und Botschaft zu finden.“

 

Was ist dein Ziel, wenn du auf die Bühne gehst und einen Text von dir vorträgst?

„Tiefer reinhören! Es geht nicht nur um die Pointen. Die Leute sollen etwas mitnehmen. Das kann ich allein nicht erreichen. Viele Poetry Slam-Teilnehmer haben da auch schnell wieder aufgegeben.“

 

Und deine eigene Wirkung? Wie schätzt du dich ein?

„Das ist von Stadt zu Stadt sehr verschieden. Mal werd ich vom Publikum als Kauz abgetan und sie haben sich, obwohl ich noch kein Wort gesagt habe, schon eine Meinung gebildet. Dann ist es schwer, zu ihnen durchzudringen. Manchmal gelingt es mir aber auch, einiges durch meinen Textbeitrag zu retten, die Meinung zu ändern. Aber nicht immer. Jedoch sind die vorgefertigten Meinungen nicht immer negativ.“

Da du ja den letzten PS gewonnen hast, darfst du hier im Jugendhaus Mitte ein Hörbuch aufnehmen. Was erwartet uns?

„Von den 80 Minuten, die auf eine CD drauf passen, werden wir alles Mögliche ausreizen. Die Texte sind ein Querschnitt aus den letzten 16 Jahren, viele davon auch keine Poetry Slam- Texte, also Sachen, die nicht so runtergehen, die auch nicht jeder versteht. Aber es gibt auch Massentaugliches. Einige werde ich auch selber mit eigener Musik unterlegt.“

 

Eine letzte Frage noch: Was hast du dir für deine Zukunft vorgenommen?

„Ich möchte in der Musik wachsen, mit meiner Band bekannter werden und mehr Auftritte haben. Am liebsten würde ich natürlich als freier Autor arbeiten, aber das ist noch ein weiter Weg. Ja, so denk ich mir das.“

 

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Gespräch führte Eva Jacob am 4.Mai 2006

23.05.2018