Auf dem Weg zu den Sternen

 

Von Nadine Trautner
 

Es waren lange, anstrengende Monate. Monate voller Arbeit, Engagement, Schwierigkeiten, Probleme und doch wieder Lösungen. Monate voller Spaß, voller Action und Spannung. Monate auf Wegen in der Raumfahrt, die noch kein europäischer Schüler betreten konnte. Jedoch wurde uns, Nadine Trautner und Vanessa Gstettenbauer, beide aus der Gegend Böblingen/Sindelfingen, der Weg in eine Zukunft geöffnet, die noch kein Mensch je beschritten hatten.

 

Über viele Umwege kamen wir im August letzten Jahres zu einem Projekt mit dem Namen „Spacepass“ und der Einrichtung „Space Education Institute Germany“ in Leipzig. Viele Menschen in unserem Umkreis und auch wir wussten zunächst nichts mit den Begriffen anzufangen. Das Space Education Institute (kurz SEI) ist ein gemeinnütziger Verein, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, junge Schüler schon vor dem Abitur an technische und naturwissenschaftliche Berufe in der Raumfahrt heranzuführen. Dass die Raumfahrt auch für uns deutsche Schüler so nah ist, hätten wir nie gedacht. Nach einer Einführungswoche Ende September 2006, wurde uns aber ziemlich schnell bewusst, dass wir unsere Zukunft selbst in der Hand haben. Und deshalb blieb es nicht bei dieser einen Einführungswoche.

 

 

Zuerst wurden wir beide und noch zwei Jungs (aus München und Plauen) Mitglieder der Mission 3 mit dem Ziel der Begleitung des bemannten Marsfluges. Erste Tests sollen nämlich im Frühjahr 2007 in Moskau stattfinden, zu welchen wir von der russischen Raumfahrtbehörde eingeladen worden sind. Doch bis dorthin ist es ein langer Weg.

 
Dieser Weg führt über eine sechsmonatige Ausbildung an den Wochenenden und in den Ferien zum Schülerastronauten, in der man all das lernt, was ein Astronaut können muss: Das Bedienen eines Fluggeräts (Kleinmotorige Maschine), das Bedienen eines Lebenserhaltungssystems (Tauchen) und das Bedienen eines Lebensrettungssystems (Fallschirmspringen). Außerdem lernen wir Dinge wie das Fliegen von Flugsimulatoren, Eigenmanagement und Eigenmarketing, mit den Medien zu arbeiten und verschiedene Grundstoffe zur Raumfahrttechnik / Raumfahrtgeschichte.

Jedoch sollten diese nicht unsere Hauptaufgaben in diesen sechs Monaten bleiben. Anfang Januar bekam das SEI von der NASA die Zusage, an dem „Great Moonbuggy Race 2007“ teilzunehmen, welches Anfang April stattfinden soll. Jedes Jahr richtet die amerikanische Weltraumorganisation einen Wettkampf der Mondautos aus. Schüler und Studenten können sich als Konstrukteure beweisen. Und wir sollten nun innerhalb von dreieinhalb Monaten ein Moonbuggy konstruieren, welches den Anforderungen der NASA entspricht (weitere Infos unter http://moonbuggy.msfc.nasa.gov/rules.html), unsere Fahrtkosten bezahlen und zusätzlich auch noch in der Schule sein. Wir stürzten uns zuerst auf die Konstruktion des Moonbuggys und die Suche nach eventuellen Partnern aus der Industrie, die unsere Konstruktionszeichungen, die mühevoll in Corel Draw erstellt wurden, realisieren möchten.

Nachdem das Moonbuggy in nächtelanger Kleinstarbeit per Mailkontakt und Aufenthalten in Leipzig an jedem Wochenende zusehends mehr an Gestalt annahm, konnten wir uns für das Race registrieren lassen. Dann machten wir uns beide auf die Suche nach Sponsoren, die uns Schülern helfen, das Vorhaben „Great Moonbuggy Race 2007“, zu realisieren. Nach zeitaufwendiger Suche fanden wir dann auch einen Sponsor, der uns gerne den Weg nach Amerika freigemacht hat. Die Mühe hat sich gelohnt, denn dadurch war es uns erlaubt, uns nun voll auf das Moonbuggy konzentrieren.

 

Erst zwei Tage vor Abflug nach Huntsville, Alabama, wurde das Moonbuggy komplett fertig und wurde nach einigen Testfahrten in sechzehn normale Reisekoffer verpackt. Zwischen diesen Moonbuggyteilen waren unsere Klamotten als Schutz für das Metall verteilt, sodass bei dem Flug nichts kaputt gehen konnte. Unsere größte Sorge war, dass ein Koffer nicht ankommt, denn das wäre das Aus für unsere Rennteilnahme gewesen. Nach sechzehn Stunden Flug konnten wir dennoch beruhigt sein. Alle Koffer waren da. Bei einer Freundin unserer Lehrer vom SEI wurde das Moonbuggy dann komplett zusammengebaut und Nadine und Stefan, die beiden Piloten, machten die ersten Testfahrten.

Schon zwei Tage nach unserer Ankunft fand das Rennen statt. Unser Team aus Deutschland war das einzige ausländische Team bei diesem Wettbewerb der NASA. Sonst nahmen nur amerikanische Highschools daran teil, die es auch wesentlich einfacher hatten, ihr Moonbuggy zum Rennen zu befördern. Die Story, wie wir unser Moonbuggy nach Amerika gebracht hatten, verbreitete sich wie ein Lauffeuer und viel Amerikaner kamen zu uns, um sich selbst davon zu überzeugen. Viele Bekanntschaften wurden gemacht, sogar Sunny Morea, der Mann, der den richtigen „Lunar Rover“ gebaut hat, kam zu uns und wünschte uns Glück für das Rennen gegen die anderen 35 Highschoolteams.

Das Rennen bestand daraus, zuerst das Moonbuggy auf die geforderten Maße zusammenzuklappen. Anschließend wurde die Zeit gemessen, wie lange die Piloten brauchen, das Moonbuggy aufzuklappen. Wir brauchten knappe zehn Sekunden. Dann mussten die Piloten das Moonbuggy noch sechs Meter weit tragen und schon ging der erste Durchlauf los. Die Strecke bestand aus 16 Hindernissen, die selbst für ein Fahrrad schwer zu überwinden waren. Der erste Durchlauf lief nicht so gut, da unsere Spurstange mehrmals herausfiel und Nadine absteigen musste, um sie wieder zu befestigen. Trotz Vanessas Anfeuerungen waren wir nicht besser als neun Minuten. Während der Mittagspause hatten wir Zeit, die Spurstange zu befestigen und weiter Kontakte zu knüpfen.

Der zweite Durchlauf war besser. Zwar sprang nach der Hälfte der Strecke Nadines Kette herunter, dennoch konnte Stefan so schnell treten, dass wir mit einer Zeit von 5 Minuten und den zehn Sekunden(die vom Aufklappen des Buggys) ins Ziel kamen. Bei der anschließenden Siegerehrung waren wir gleich zweimal überrascht. Zuerst bekamen wir den „Rookieaward“, der an den besten Neueinsteiger verliehen wurde. Dann erhielten wir noch den wichtigsten Preis des Moonbuggyraces – den „Designaward“. Diesen Preis erhält das Team mit dem am besten konstruierten Moonbuggy. Völlig überrascht und glücklich nehmen wir auch diesen Preis entgegen. Am Abend nach der aufregenden Preisverleihung fand noch ein von uns organisiertes Treffen im „El Palacio“, einem mexikanischen Diner, statt. Hier gab es neben dem Essen auch noch mehrere interessante Vorträge von mehreren NASA-Mitarbeitern, die im Team von Wernher von Braun gearbeitet haben und viele Geschichten erzählen.

Am Morgen danach sind wir alle irgendwie traurig, dass es am nächsten Tag schon wieder zurück nach Deutschland geht. Jedoch nutzen wir die restliche Zeit in Amerika aus, um auch Land und Leute kennen zu lernen. Noch schnell das Moonbuggy wieder zusammengebaut und schon heben wir wieder mit dem Flugzeug ab zurück nach Hause, wo uns viele Menschen erwarten, die gerne erfahren möchten, wie es bei so einem Wettbewerb der Raumfahrtbehörde NASA ist. Dazu können wir nun nur sagen: Das war ein unvergessliches Erlebnis, wir wollen gleich wieder hin!

Jedoch mussten wir nicht lange warten, um mit dem SEI wieder in die Welt der Raumfahrt einzutauchen. Denn gerade mal ein Monat später trafen wir uns alle am Berliner Flughafen Schönefeld wieder mit dem Ziel Moskau! Zwischen Amerika und Moskau musste allerdings noch viel passieren. Neben einer Party für alle Sponsoren, auf welcher wir unseren Aufenthalt in Amerika in Bildern erzählt haben, mussten wir uns auch in verschiedene Fachbereiche einlesen. Dazu gehört zum Beispiel Biomedizin, die für die Erforschung des Menschen auf dem Mars eine wichtige Rolle spielt. Da wir in Moskau nicht als komplette Neulinge auf u.a. diesem Gebiet dastehen wollten, mussten wir uns ein gewisses Grundwissen aneignen.

 

Mit diesem Grundwissen im Gepäck hoben wir ab zu einem wesentlich kürzeren Flug im Gegensatz zu Amerika. Nicht einmal drei Stunden verbrachten wir im Airbus. In Moskau wurden wir dann gleich von unseren deutschen Gastfamilien abgeholt, die uns für dich nächste Woche beherbergen wollen.

 

 

In den ersten beiden Tagen (Samstag/Sonntag) machten wir eine Sightseeingtour durch Moskau. Vom Kreml bis zum Roten Platz und dem Kaufhaus GUM haben wir fast alles in der riesigen Innenstadt Moskaus gesehen. Trotz brennender Hitze von 35°C war in Moskau viel los – nicht verwunderlich in der größten Stadt Europas. Am Montag ging es dann aber mit dem richtigen Programm los. Wir und unsere Gastgeschwister waren eingeladen in das Moskauer Luft- und Raumfahrtinstitut, das Moscow Aviation Institute (kurz MAI). Das MAI ist ein riesiger Gebäudekomplex mitten in Moskau. Wir wurden von zwei Professoren abgeholt, die uns an diesem Tag zuerst ihre und dann andere Lehrstühle zeigen wollen. Zuerst besichtigten wir den Lehrstuhl für Lebenserhaltungssysteme, wo wir auch die älteren Außenbordanzüge anprobierten. Nach einem kurzen Vortrag schauten wir uns den Lehrstuhl für Konstruktion und Projektierung von Flugzeugen an. Hier steht von der Tupolew 144 (russische Condord) und der Su25 bis zu einer amerikanischen Flugzeugkabine, die im Vietnamkrieg im Einsatz war und an welcher sogar die Einschusslöcher zu sehen sind, alles. Die Studenten können hier an den originalen Flugzeugen und Kampfjets Ideen für Weiterentwicklungen von verschieden Flugzeugteilen sammeln, denn Anschauungsmaterial gibt es hier genug. Nach einem kurzen Abstecher im Astrolabor, in welchem die ersten Weltraumhotels konstruiert werden, ging es zum kosmischen Labor. Hier stehen noch Teile der R7 (die Sojuz-Raktete ist die Weiterentwicklung der R7 und wird heute noch verwendet) und auch der „Moonlander“ der Russen, welchem jedoch die Amerikaner zuvor kamen. Außerdem ging der russischen Raumfahrt das Geld aus, weshalb er nicht auf dem Mond gelandet ist. Als krönender Abschluss des Tages durften wir uns auch die Sonde anschauen, die demnächst zum Mars geschickt werden soll.

Nach diesem aufregenden Tag, nahmen wir uns am nächsten Tag die Zeit, die Schule in Moskau und anschließend ein paar Denkmäler in der Stadt anzuschauen. Denn der nächste Tag versprach noch turbulenter als der letzte zu werden. Denn wir waren in das legendäre Sternenstädtchen eingeladen, in welches sonst kaum die russische Bevölkerung oder die Presse eintreten darf. Hier trainieren die Astronauten und Kosmonauten gemeinsam und hier wird auch die Entscheidung getroffen wer ins All darf und wer nicht. Doch es kommt noch besser. Anstatt einfach nur durch zu laufen und alles anzuschauen, wurde uns gleich an der ersten Station angeboten, den richtigen Außenbordanzug der Kosmonauten anzuziehen. Auch all die lebenserhaltenden Funktionen, die in solch einem Anzug gebraucht werden, sollten eingeschalten werden. Vanessa und ein Junge aus unserer Mission schlüpften hinein, wurden vom Boden mit einer Maschine hochgehoben und machten an der Decke der Halle mehrere Übungen, um ein Gefühl für die schwere Arbeit eines Kosmonauten zu bekommen. Sofort danach ging die Führung weiter durch die MIR Station, welche genauso wie die ISS, komplett nachgebaut ist.

 

 

Nach dem Mittagessen schauten wir uns die Trainingssimulatoren für die Landekapsel an und ein weiteres Teammitglied durfte den Landeskarphander anziehen (diesen weißen Anzug haben die Kosmonauten auch auf allen Pressebildern an). Anschließend wurde es noch einmal richtig spannend. Wir wurden in den Nachbau der ISS-Küche geleitet und durften dort Weltraumessen probieren und sogar zubereiten. Es schmeckte allerdings etwas zu intensiv, weil man im Weltall seinen Geschmack etwas verliert. Nachdem wir noch die Trainingszentrifuge, die 18G simulieren kann, gesehen haben, ging es wieder zurück auf die Erde.

Am nächsten Tag besichtigten wir das IMBP, in welchem gerade Module gebaut werden, um den 2-jährigen Flug zum Mars schon auf der Erde zu testen. Denn vor dem Flug muss man klären,  ob die Menschen das von der Psyche her aushalten und nicht auf dem Weg zum Mars aufeinander losgehen oder sich sogar umbringen. Das Finale der ganzen Reise fand am Freitag bei der Raumfahrtagentur „Roskosmos“, die ungefähr mit der NASA zu vergleichen ist, statt. Der Chef der Raumfahrtagentur, Herr Perminow, hatte uns extra zu einem Gespräch mit ihm eingeladen und anschließend durften wir noch das Haus besichtigen und noch ein letztes Mal Weltraumluft schnuppern.

Nach diesem gelungen Abschluss, lag ein wunderschönes sonniges Wochenende vor uns, das wir mit unseren Gasteltern und Gastgeschwistern noch vollends ausgenutzt haben. Am Sonntag Mittag ging es dann zurück nach Berlin und von dort aus zu unserem Institut nach Leipzig. Dort trennten sich unsere Wege.

 

Die Moskaureise war anders, als wir sie uns vorgestellt haben. Wir erwarteten keine so netten Gastfamilien, wir erwarteten nicht so viele Möglichkeiten für die Jugend, kurzum, dieser Aufenthalt hat unsere Vorstellungen von der Raumfahrt und den Möglichkeiten in Russland um ein Vielfaches übertroffen. Vielleicht legen die Russen nicht so viel Wert auf das Äußere, wie die Amerikaner. Aber das, was innen zu finden ist, können nur wenige sehen. Wir haben es gesehen und können nun sagen, dass sich in der russischen Raumfahrt einiges tut. Wir haben einen großen Respekt vor dem Tun all der Professoren, Ingenieure, Studenten und Raumfahrtbegeisterten aus Russland. Vielleicht werden wir nach dem Abitur auch eine Zukunft in Moskau vor uns haben und darüber würden wir uns nun sehr freuen.

23.05.2018