Buchrezension

Von wegen nichts zu machen, Werkzeugkiste für Weltverbesserer

 

Buch Rezension von Angela Vöhringer

 

Wie bringt man Kiosk oder Supermarktbesitzer dazu die rechtsradikale Nationalzeitung nicht mehr zu verkaufen? Was macht man, wenn die Dorfkneipe zugemacht hat und alle traurig alleine zu Hause trinken? Wie hilft man Menschen, denen das Bildungssystem kaum eine Chance gibt? Wer sich solche und ähnliche Fragen stellt für den ist das Buch „Von Wegen nichts zu machen“ genau das richtige.

Es ist aufgeteilt in Vorwort, Hauptteil mit Projekt und Ideenvorstellungen und einem Interview als Schluss. Im Vorwort schreiben die Autoren: „Die so genannte Marktwirtschaft zeigt längst  ihre hässlichen Seiten, grenzt aus, schüchtert ein, produziert nicht nur Arme, sondern zerstört auch deren Würde. Früher haben wir über kollektive Methoden der Gesellschaftsveränderung nachgedacht. Aber es genügt eben nicht, die hässlichen Verhältnisse anzuprangern und sie von Kopf auf die Füße stellen zu wollen: Wir müssen es selbst tun.“ Im Hauptteil geht es dann nicht um Theorien, sondern nur ums Praktische, was den Vorteil hat, dass man es so gut wie jedem Menschen egal ob Kind, Oma oder Manager zu lesen geben kann.

 

Die Autoren, ein Pfarrer, ein Journalist und ein Komiker, stellen fast 100 verschiedene kleine und größere Projekte und Ideen vor, die gemeinsam haben, dass sie Menschen zusammen bringen. Sie  werden aufgefordert ihr Leben und ihr Umfeld wieder aktiver und kreativer zu gestalten, Ressourcen gemeinsam zu nutzen, ungleiche Verteilung von Lebenschancen zu überwinden und zusammen Spaß zu haben.

 

Die einzelnen Texte sind größtenteils recht kurz, aber unter bereits existierenden Projekten stehen Links zu der jeweiligen Homepage. Auf den ersten Blick ist nicht unbedingt ein System hinter den Texten zu erkennen: Das Buch scheint keine klare Linie zu haben, man könnte ihm auch eine gewisse Oberflächlichkeit vorwerfen, denn die meisten Berichte sind kaum länger als zwei in großer Schrift gedruckte Buchseiten und gehen auch nicht wirklich in die Tiefe. Jedoch bekommt das Buch seine besondere Kraft gerade durch seine Leichtigkeit und Optimismus. Wer sich jedoch  tief greifende Gesellschaftskritik und eine Analyse erhofft hat, was für Strukturen zu den Problemen wie ungleiche Bildungschancen, Vereinsamung und Armut führen, wird enttäuscht. Der Anspruch des Buchs ist nicht Kritik sondern Ermutigung und zwar für möglichst viele Menschen auch mit unterschiedlichen Einstellungen. Das Spektrum der Projekte reicht von Hausaufgabenbetreuung für Jugendliche von Senioren, über  eine Kneipe auf Rädern, Privatasyl, kreativem Straßenprotest zu Schnorrerkursen für effektives Betteln für Obdachlose. Die Vorstellung der Autoren von einem „Weltverbesserer“ ist nicht ein Mensch, der verbissen und aus Schuldgefühlen versucht anderen zu helfen, sondern jemand, der Freude daran hat etwas zu verbessern und das Gemeinschaftsgefühl genießt, das bei den Projekten entsteht. Um den Verkauf der rechtsradikalen Nationalzeitung zu verhindern schlagen die Autoren zum Beispiel vor:  „Political correctness schön und gut, aber man muss auch mal fies sein dürfen[...] Jetzt verlassen wir mal den Weg des politischen Dialogs und üben den gepflegten Wutanfall. Schnauzen Sie lauthals und für alle Passanten hörbar in das Bübchen, was denn das für ein Sauladen wäre, was für eine nationalistische Drecksbude, ob er auch den Stürmer hätte oder womöglich Zyklon B unter dem Ladentisch...“

 Auch wenn die Autoren nicht gerade zur gewaltsamen Revolution auffordern, so regen sie doch an nicht jede Vorschrift oder jedes Gesetz so ganz ernst zu nehmen. Das Buch ist im Grunde genommen auch keine Werkzeugkiste mit Methoden und  Anleitungen für Projekte sondern eher eine Spielkiste für Aktive und noch nicht so Aktive. Es ist ideal um einfach kurz reinzuschauen, zu lächeln vielleicht die eine oder andere Idee aufzugreifen oder sich selbst etwas ganz anderes einfallen zu lassen.

 

 

Autoren: Franz Meurer, Jürgen Becker, Martin Stankowski

Verlag: Kiepenheuer & Witsch

Preis: 7,95

Seitenzahl: 189

Verträglichkeit: leicht verdaulich, fruchtig, in kleinen Stücken, gut als Zwischenmahlzeit zwischen durch, für Menschen jeden Alters zu empfehlen, wirkt anregend ohne zu belasten.

Enthält Spuren von Gesellschafts- und Kapitalismuskritik, aber so gering, dass sie selbst bei stärker marktwirtschaftlich denkenden Menschen und Idelogie-Unverträglichkeit kaum zu heftigeren allergischen Reaktionen führen werden.

23.05.2018