Die Gründung meiner Hilfsorganisation Sichere Perspektiven

Fiamma Rupp-Gembs berichtet über ihre Erfahrungen.

 

Guatemala – Guatebuena

Mit 10 Jahren beschloss ich in meinem Tagebuch, dass ich die Welt bereisen und in ein Land fahren würde, wo ich mit Menschen arbeiten könnte, denen es nicht so gut ginge wie mir. Da man mit 10 Jahren noch nicht die Welt in diesem Maße verändern kann, zog ich dann nach dem Abi los. Mit riesen großem Rucksack hinten, kleinem Rucksack vorne und meinem Didgeridoo über den Schultern, kam ich am Flughafen von Guatemala Stadt im August 2001 an. Kulturschock, ich konnte die Sprache nicht, außer‚hola’ (hallo) und ‚estoy muy cansada’ (ich bin sehr müde); war das erste Mal auf diesem Kontinent und sah tausend verschiedene Gesichter, die ich weder einschätzen noch zuordnen konnte. Auch die Geräuschkulisse war eine andere. Es wurde geschrieen, gesungen, laut gelacht, diskutiert, gebellt, geschnattert und alles ohne Scham und Vorbehalt. Es schien, als hätte sich die gesamte 11,5 Millionen Stadt hier versammelt. Da ich davon ausging, dass ich nicht abgeholt werden würde und alles Weitere bis ins Hochland nach Quetzaltenango (Xela) am nächsten Tag selbst in Angriff nehmen musste, versuchte ich den Taxifahrer ausfindig zu machen, der am wenigsten so aussah, als würde er mich gleich im nächsten Moment vergewaltigen wollen. Denn was man alles gelesen und gehört hatte, war nicht gerade rosig. Kurz nebenbei, in den 5 Jahren die ich jetzt nun schon zeitweilig in Guatemala lebe ist mir noch nie ein Haar gekrümmt worden und ganz im Gegenteil waren die Taxifahrer häufig sehr charmant.

So fing alles vor 5 Jahren im Land des ewigen Frühlings an. Nach meinem sehr spannenden und selbst organisierten Auslandsjahr kehrte ich nach Europa zurück und war der festen Überzeugung, dass ich nie wieder im Bereich der Entwicklungshilfe tätig sein wollte, meinen Nerven und meiner Geduld zu Liebe, wahrscheinlich auch denen meiner Eltern. Die dort erfahrene Korruption im Land und auch in diversen Hilfsorganisationen hatte mich bis zum Ende frustriert und entmutigt. Da Guatemala und seine Menschen aber einen undefinierbaren Zauber auf mich ausübten, überlegte ich, wie es wohl wäre, wenn ich selbst eine Hilfsorganisation gründete und so Transparenz und meine eigene Philosophie aufrecht erhalten könnte. Nachdem ich mir selbst noch gut zu geredet und mich davon überzeugt hatte, dass man auch mit 21 eine Hilfsorganisation gründen oder zumindest den Versuch starten könnte, zog ich in den darauf folgenden Semesterferien aus London wieder auf nach Guatemala und beging die Tat.

Sichere Perspektiven - Secure Perspectives e.V./ Seguras Perspectivas

Sichere Perspektiven - Secure Perspectives e.V. ist eine internationale Initiative von engagierten Menschen, die an der Verbesserung von Gesundheit, Bildung und Infrastruktur in Guatemala arbeiten. Dies soll einen Anstoß zur Eigeninitiative innerhalb der Gesellschaft geben und verantwortungsbewusstes Handeln anregen. Sichere Perspektiven - Secure Perspectives e.V. wurde im Jahr 2004 gegründet und in Essen, Deutschland, als gemeinnütziger Verein eingetragen. Der guatemaltekische Sitz des Vereins, der die Arbeit vor Ort voranbringt, liegt in Quetzaltenango (Xela), der zweit größten Stadt in Guatemala, und heißt Seguras Perspectivas.

 

Hilfe zur Selbsthilfe hat bei uns höchsten Stellenwert. Wir möchten unsere Mitmenschen in Guatemala auf dem Weg der Selbstbestimmung begleiten, fordern und fördern. Wir wollen mit den Menschen kooperieren, sie nicht bevormunden, aber auch ihre Eigeninitiative einfordern. Da Kinder die Zukunft der Gesellschaft sind, treten sie in den Mittelpunkt unserer Bemühungen. Um den Kindern den Erfolg ihres Lernens zu sichern binden wir ihre Familien in alle Projekte ein, um eine nachhaltige Wirkung des Neuerlernten zu bewirken. Ausgangspunkt aller Projekte ist die Grundschule in der jeweiligen Gemeinde.

Die Menschen in unseren Projekten

Die Menschen leben in einfachen Häusern, die teilweise aus Stein, meist aber aus Wellblech, Holz oder Lehmziegel erbaut sind. Sie haben 1 bis 4 Räume in denen mehrere Familien im Generationenverbund leben. Einige Häuser haben Elektrizität, fließendes Wasser ist aber sehr selten vorhanden. In der Familie arbeiten alle mit - vom Baby bis zu den Großeltern. Bis sie laufen können, werden die Kinder von ihrer Mutter oder von ihren meist erst zwei Jahre älteren weiblichen Geschwistern in bunt gewebten Tüchern auf dem Rücken eingewickelt getragen. Sobald die Kinder laufen können, zählen sie zu einer vollwertigen Arbeitskraft im Haus. Leider trägt das Einkommen der Männer nur zu einem geringen Teil zum Lebensunterhalt der Familien bei, da ein Großteil häufig für Alkohol, Drogen oder Prostituierte ausgegeben wird. Die Kinder in unseren Programmen wachsen unter schwierigen materiellen, gesundheitlichen und sozialen Bedingungen auf, die nicht nur durch die oben beschriebenen materiellen Verhältnisse, sondern auch psychisch durch innerfamiliäre Probleme wie Alkoholismus, Drogenkonsum, Prostitution und manchmal sogar sexuellen Missbrauch verschärft werden.

 

Zurzeit arbeitet Sichere Perspektiven - Secure Perspectives e.V./ Seguras Perspectivas in der Gemeinde ‚La Cipresada’, am Rande der Stadt Quetzaltenangos, wobei sich die Arbeit auf die selbst verwaltete Grundschule der Gemeinde konzentriert.   

Diese hat 380 Schüler und 10 Klassen und wird von der staatlichen Einrichtung des Bildungsministeriums für Entwicklungspolitische Zusammenarbeit PRONADE (Programa Nacional De Autogestión Para El Desarollo Educativo) mit Lehrergehältern und Grundmaterialien für den Unterricht unterstützt. Dennoch ist sie in einem verheerenden Zustand. In der Trockenzeit erhitzt sich das Wellblech unerträglich und in der Regenzeit verwandelt sich der Lehmboden Boden in der Schule zu einem Schlammmeer und es regnet ununterbrochen durch die Löcher im Wellblech.

Nach unserer letzten Umfrage leben 637 Menschen in der Gemeinde, davon sind 184 Erwachsene (92 Frauen, 92 Männer) und 453 Kinder (232 Mädchen, 221 Jungen).

Gesundheit, Bildung und Infrastruktur

Dort wo es keine Wasserversorgung gibt, wird in Tonnen aufgefangenes Regenwasser verwendet und zusätzlich Wasser per LKW angeliefert, das von den Bewohnern käuflich erworben und untereinander in offenen Fässern aufgeteilt wird. Oft bilden sich in den Wassertonnen krankheitserregende Bakterien, durch die die Bewohner schwere Krankheiten erleiden und vor allem von Parasiten befallen werden. In unserem zwei jährigen Projekt Sanitaria in unserer ersten Gemeinde wurden alle drei essentiellen Bereiche Bildung, Gesundheit und Infrastruktur mit einander verbunden, um die Nachhaltigkeit und Integrität des Projekts zu sichern. Im Bereich Bildung wurden Vorträge gehalten, im Bereich Gesundheit wurde das Wissen der Vorträge angewendet und durch medizinische Maßnahmen unterstützt. Im Bereich Infrastruktur wurde den Kindern die Möglichkeit gegeben, das erlernte Wissen anzuwenden und sie verinnerlichten die Wichtigkeit der hygienischen Verhältnisse durch ihre verbesserte Gesundheitslage. Unsere anfänglichen Stuhlproben der Kinder ergaben, dass von 108 Kindern nur 7 Kinder gesund waren. Bei den restlichen Kindern wurden bei 45 % bis zu 5 verschiedene Parasitentypen gleichzeitig gefunden. In der Grundschule wurden Vorträge über Gesundheit, Parasiten, Hygiene und Ernährung von örtlichen Ärzten gehalten, um die Eltern und ihre Kinder auf diesem Gebiet zu sensibilisieren. Hierdurch wollten wir einen Freiraum für Fragen und Eindrücke schaffen, so dass ein Dialog zwischen Kindern und Eltern konnte. Dies verhalf uns dazu, dass die Eltern uns durch ihr Wissen halfen ihre Kinder auch zu Hause in ihrem Erlernten zu unterstützen. Diese Untersuchungen ermöglichten eine abgestimmte, medikamentöse Behandlung der Kinder. Hier spendete die guatemaltekische Niederlassung der Bayer AG einen Teil der Medikamente. Neben der abgestimmten Medikamentierung wurde eine allgemeine Gesundheitskontrolle durchgeführt und für jedes Kind eine Gesundheitsakte angelegt. Die Kinder erhielten weiterhin eine Hepatitis A & B Impfung, die ihnen einen 10 jährigen Schutz gewährleistete. Auch hier waren die Vorträge für die Eltern sehr wichtig, da mehrere Eltern dachten, dass man ihren Kindern Gift spritzen würde anstatt eine Impfung gegen eine Krankheit. Das Ziel des gesamten Projekts war der Bau hygienischer Toiletten mit fließendem Wasser und biobakteriellem Abbau. Da diese Gemeinde  nicht über fließendes Wasser verfügte war dies die absolute Revolution für sie. Durch das gemeinsam erarbeitete Benutzungs- und Instandhaltungskonzept dieser Toiletten, kann die Gemeinde die Toiletten ohne Probleme eigenständig weiterführen. Das Baumaterial wurde von der Deutschen Botschaft in Guatemala gespendet.

In unserer aktuellen Gemeinde haben wir in Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsministerium in Guatemala viele Vorträge über Gesundheit, Ernährung, Hygiene, Empfängnisverhütung, Familienplanung, sexueller Missbrauch,  sowie HIV/AIDS organisiert. Es wurde ein Lehrbuch didaktisch und thematisch  ausgearbeitet, dass den Lehrern der Grundschule als Hilfe für den Unterricht dienen soll.

Zurzeit wird das dreiteilige Projekt Bildungskomplex La Cipresada ausgearbeitet, in dem ein Stück Land auf den Namen der Gemeinde gekauft werden soll, auf diesem eine Grundschule und Werkstätten gebaut werden sollen, die von der Gemeinde dann eigens verwaltet und zu Kleinunternehmen ausgebaut werden sollen.

Kreativwerkstatt

Kinder haben ihre eigene Sprache. Die Kreativwerkstatt soll den Kindern in der Grundschule die Möglichkeit geben, sich auf eine individuelle und ganz persönliche Art auszudrücken und mitzuteilen. In einem selbst geschriebenen Theaterstück zum Beispiel, oder einem Mal- und Schreibwettbewerb können die Kinder ihre Wünsche, Bedürfnisse und Ängste auf eine künstlerische Art artikulieren, die sie möglicherweise von Hemmungen befreit, die im täglichen Umgang zur Norm geworden sind. Die Kreativwerkstatt soll die Kinder zu Eigeninitiative und Kreativität anstiften. Da diese Art des spielerischen Lernens an vielen Schulen in Guatemala eher unkonventionell ist, hat es bei den Kindern großen Enthusiasmus hervorgerufen. Diese Art zu Lernen und auch besonders die Vergabe von Preisen für eine kreative Leistung zeigten, wie sehr die Kinder diese Zeit genossen und vor allem wie stolz sie waren zum Beispiel ein T-shirt zu tragen, das mit ihrem Kunstwerk bedruckt war. Unsere Preise stellten einen hohen emotionalen Wert für die Kinder dar, den sie nur sehr selten bei sich zu Hause bekamen, da sie ihr Hab und Gut entweder mit noch 13 weiteren Geschwistern teilen mussten oder einfach nicht genügend Geld vorhanden war. So stolzierte auch klein Rigo aus der zweiten Klasse stolz wie Oskar durch die Schule, nachdem er mit seinem Bild den 1. Preis für das T-Shirt des Jahres gewonnen hatte!

Volontärsarbeit, Unterstützungsgruppen und Sprachschule

Die Volontärsarbeit ist eine wichtige Unterstützung für unsere Aktivitäten. Sie erfolgt auf ehrenamtlicher Basis. Unsere Volontäre geben den Menschen und vor allem den Kindern die nötige individuelle Aufmerksamkeit, Zuneigung und das Gefühl an Besonders-sein, die sie in ihrem Alltag allzu oft vermissen. Die Volontäre helfen bei aktuellen Projekten mit, je nach Zeit und Lust an Verantwortung und Kreativität können sie führende Positionen übernehmen oder greifen den Lehrern etwas unter die Arme, die manchmal bis zu 40 Kinder in einer Klasse unterrichten müssen. Eine individuelle Betreuung eines Kindes hilft dem Kind, sich zu konzentrieren und wirklich Lesen und Schreiben zu lernen, da man sich bei 40 weiteren MitschülernInnen auch mal ganz leicht davon mogeln kann und dann am Ende auch ein verschmitztes Lächeln nicht hilft, um versetzt zu werden. Man kann auch ein Freiwilliges Soziales Jahrespraktikum bei uns machen, wo man in alle Bereiche eingeführt wird und das Leben der Kinder und ihrer Familien und die Strukturen einer Hilfsorganisation authentisch miterleben kann. Hier und auch für Langzeitvolontäre wird ein 5 monatiges Seminar über Projektmanagement, Motivation, Psychologie und Pädagogik organisiert, dass thematisch und fachlich unseren Volontären das nötige Wissen vermittelt, um ihre Arbeit so professionell, erfolgreich und persönlich befriedigend wie möglich zu machen.

 
Wir sind dabei ein internationales Netz von engagierten Menschen aufzubauen, die in Unterstützungsgruppen organisiert sind und unserem Verein helfen, die Projekte vor Ort zu finanzieren. Hierfür werden alle Menschen, jung und alt, gesucht, die Lust haben, sich in ihrer Stadt oder Gemeinde für hilfsbedürftige Menschen und ein engagiertes Projekt einzusetzen.  Dazu suchen wir Koordinatoren, die solche Gruppen in ihrem Land und ihrer Stadt gründen und leiten, Wohltätigkeitsveranstaltungen durchführen, Spenden sammeln und Volontäre und potentielle Sponsoren für Projekte und Administration anwerben. Wenn ihr zum Beispiel noch zur Schule geht, und Lust habt etwas zu bewegen, könnt ihr mit eurer Schulklasse oder der Schule unsere Projekte unterstützen oder auch in euren Sommerferien bei uns für einen Monat mit an packen. Wir freuen uns auf euch!

 
Fließende Spanischkenntnisse sind nicht in allen Bereichen nötig. Da Spanischkenntnisse aber den Volontären helfen, sich mit den Kindern und den Lehrern besser zu verständigen, empfehlen wir zu Beginn des Aufenthaltes den Besuch der Sprachschule Centro Lingüístico El Baul mit der wir in Quetzaltenango zusammenarbeiten.

Wenn ihr bei einer schon existierenden Unterstützungsgruppe mitwirken oder eine neue gründen wollt, als Volontär nach Guatemala kommen oder Spanisch lernen wollt, meldet euch bei uns!

Sicherheit

Guatemala ist ein wunderschönes Land, dennoch herrschen andere Verhältnisse als in vielen Teilen der Welt. Die ungleiche Verteilung von Kapital, die weit verbreitete, existierende Armut, die häufige Diskriminierung der indigenen Bevölkerung und die soziale Segregation führen zu hoher Gewalt und Unsicherheit im Land. Wenn man nur die Informationen des Auswärtigen Amts läse, würde man wohl kaum nach Guatemala fahren. Dennoch ist es die Pflicht eines jeden sich adäquat über die Sicherheitslage in Guatemala zu informieren und sich dem entsprechend zu verhalten und sich an die Kultur anzupassen. Auch wir bereiten unsere Volontäre individuell mit Informationen und Tipps auf ihre Reise und ihren Aufenthalt vor.

Mir ist nach 5 Jahren noch nie etwas passiert. Viel Glück gehabt, das mag sein, aber wenn man sich an gewisse Regeln hält und in Quetzaltenango lebt, kann man auch eine sehr angenehme Zeit mit regem sozialen und kulturellem Austausch, wie zum Beispiel beim berühmten Party machen in den Bars und Diskos oder beim Kaffee oder einer heißen Schokolade in einem der exotischen Cafes verbringen.

Natürlich reist jeder auf eigene Verantwortung in das Land, aber wie gesagt, wenn man Regeln beherzigt, kann man auch eine sehr schöne und interessante Zeit im Land des ewigen Frühlings verbringen.

Auf jeden Fall kümmern wir uns um unsere Volontäre auf eine ganz persönliche Art! Wir holen sie persönlich vom Flughafen ab, bringen sie gegebenenfalls in ein Hotel in Guatemala Stadt und am nächsten Tag zum Bus, der sie dann nach Quetzaltenango (Xela) fährt. In Quetzaltenango werden unsere Volontäre wieder von einer Vertrauensperson abgeholt und zu ihrer Unterkunft gebracht. Vor, während und nach der Reise werden unsere Volontäre persönlich betreut. Wir stehen ihnen und ihrer Familie 24 Stunden am Tag für Fragen, Zweifel oder Kommentare zur Verfügung. Die Sicherheit unserer Volontäre ist eine unserer größten Bemühungen und unser höchstes Anliegen! Dem entsprechend kümmern wir uns von ganzem Herzen und mit größtem Vertrauen um unsere Volontäre, damit sie eine interessante, erlebnisreiche und unvergessliche Zeit mit den Menschen in Guatemala und in unserer Organisation verbringen.

Informationen

info@secureperspectives.org

www.secureperspectives.org

 

Anschrift in Deutschland:

Sichere Perspektiven – Secure Perspectives e.V.

Bernhardstr. 32

45239 Essen

 

Dresdner Bank Essen  -  Deutschland

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23.05.2018