Straßenkinder auf den Philippinen oder

Wie man sich ein schlechtes Gewissen bereitet

von Vanessa Lerch

 

Alles war anders. Das bemerkte man sofort an der schwülen Luft, die einem entgegenkam, als man aus dem klimatisierten Flughafen herauslief. Meine Mutter und ich gönnten uns ein paar Wochen Urlaub auf der Insel Bohol auf den Philippinen, dem Heimatland meiner Mutter. Hier war wirklich alles anders als in Deutschland: Straßenhunde, die auf der Straße herumlungerten und gerade noch rechtzeitig zur Seite sprangen, wenn ein Fahrzeug sie zu überfahren drohte; die ganzen Händler, die versuchten ihre Ware zu verkaufen, für die man hart gearbeitet hatte und nur sehr wenig dafür bekam; auf dem Lande die dürren Kühe und Büffel, die frei herum liefen und ausgetrocknetes Gras fraßen und vor allem die vielen Kinder, die auf der Bordsteinkante saßen und ihre Hände nach Geld ausstreckten. Ich war zwar schon öfters auf den Philippinen, doch damals war ich noch kleiner und hatte dies alles nur noch schwach in Erinnerung.

Wir übernachteten bei meiner Tante Carmelita um Hotelkosten zu sparen. Sie hatte ein großes Haus, zwei Hausmädchen, die sich um den Haushalt kümmerten, damit sie die Schule bezahlt bekamen, einen Ehemann und einen Adoptivsohn, um den sie sich kümmerten, da seine Familie nicht genug Geld hatte. Mir gefiel es sofort im Haus meiner Tante. Besonders aber die vielen Hunde, die sie besaß und die, „gemeinsam“ mit einer hohen Mauer, für die Sicherheit auf dem Grundstück sorgten. Das Haus hatte einen großen Balkon. Er war ziemlich hoch oben platziert, was natürlich dazu führte, dass man einen tollen, oder weniger tollen, Ausblick hatte.

An einem Morgen lehnte ich mich an das Geländer, ich blickte nach unten und sah sie. Ich sah die leeren Gesichter, die entweder auf den Boden oder in den Himmel starrten. Sie gehörten ein paar Kindern, die anscheinend in einer Hütte wohnten. Sie hatten alle nur Stofffetzen als Kleidung. Ein Junge lag in einer Hängematte, die an zwei dürren und trockenen Bäumen befestigt waren, und kaute auf einem Grashalm herum. Ein paar Mädchen saßen auf dem Boden und malten Kreise mit ihren Zeigefingern in den sandigen und ebenfalls trockenen Boden. Ein kleineres Kind hütete eine Henne mit ihren Küken. Das Kind scheuchte mit einem Stock die kleine Hühnerfamilie herum. Die Henne flatterte ein paar Mal auf und gluckste, die kleinen Küken trippelten hinterher. Das alles war ein Anblick, den ich noch gar richtig „live“ kennen gelernt hatte. Ich wollte helfen, doch was sollte ein einziger Mensch denn tun? Ich senkte meinen Kopf und ging wieder ins Haus hinein. Haben diese Kinder keine Eltern? Kein Spielzeug? Müssen sie nicht zur Schule? Warum arbeiten sie denn nicht, anstatt nur in den Himmel zu starren? Damit könnten sie doch Geld verdienen! Ich wusste keine Antwort auf all diese Fragen. Ich würde ihnen so gerne helfen…

 

Diesen Tag stand Shopping an. Da der europäische Euro umgerechnet in philippinische Pesos sehr viel Geld war, musste ich diese Gelegenheit natürlich nutzen und mir jede Menge neue Klamotten kaufen. Meine Mutter und ich gingen in tausende von Läden, wo ich auch gleich zwei Paar neue Schuhe, mehrere Tops und einen Rock fand. Fantastisch! Wenn da doch nur nicht diese neidischen Blicke, der anderen wären. Denn diese ließen mich sofort ein schlechtes Gewissen bekommen. Aber warum sollte man sich denn diese Gelegenheit entgehen lassen?

Wir liefen ein bisschen in der Stadt herum, um uns von einem Tricycle, eine Art „Mischung“ aus Motorrad und Fahrrad auf drei Rädern, nach Hause bringen zu lassen. Während der Fahrtwind mir meine Haare ins Gesicht wehte, sah ich ein dutzend Kinder auf der Straße. Viele hatten keine Klamotten und waren ganz dreckig von Schmutz und Abgasen. Viele hielten sich Stofffetzen vor Mund und Nase um die schmutzige Luft nicht einzuatmen. Es war aber auch kein Wunder, dass die Luft nicht die reinste war: Die Straßen waren total überfüllt mit Jeepneys (offene Busse), auf denen zum Teil die Leute auf dem Dach mitfuhren, weil es innen zu wenig Platz hatte, und Motorrädern, die mit fünf Leuten besetzt waren, auf denen jeweils die fünfte Person auf dem Lenker saß! Und die wenigsten hielten an einer roten Ampel! Nur um einmal eine kleine Vorstellung davon zu bekommen, wie es auf den Straßen dort zulief! Dazu kam noch das geräuschvolle Hupen und Schimpfen der Fahrer.

Doch der Anblick der Straßenkinder hatte es in sich. Mädchen, die die Rolle der Mutter übernahmen und einen Säugling im Arm hielten, Kinder, die einfach nur in der Ecke saßen und vor sich rum schlummerten und schreiende Babys. Ein paar kleine nackte Jungs spielten mit Stöcken und lachten. Dass sie bei diesem Zustand glücklich sein können? Doch das war wahrscheinlich nur gerade in diesem Moment. Ich wusste nicht, wie ich schauen sollte, wenn wir an solchen Kindern vorbeifuhren oder –liefen. Sollte ich lieber aufmunternd oder nachdenklich schauen? Lächeln oder eine traurige Miene ziehen? Ich wusste es nicht.

Einmal fuhren wir in einem Auto an ein paar Kindern vorbei. Ein Baby und zwei kleine Kinder, die nackt herum liefen, taten es mir besonders an. Das Mädchen im Alter von etwa acht Jahren hielt das Baby im Arm, wie eine verantwortungsvolle erwachsene Frau. Sie rief streng einen etwa zwei Jahre jüngeren Jungen herbei, vermutlich ihren kleinen Bruder. Ihr Gesichtsausdruck war ernst. Die drei Straßenkinder liefen strickt auf unser Auto zu, das gerade an einer roten Ampel hielt. Das Mädchen klopfte mit einer freien Hand an unsere Scheibe. Man konnte innen gedämpft ihre zarte Stimme hören. Ich verstand jedoch kein Wort aber ich denke das Kind wollte Geld oder etwas zu essen. Tatsächlich! Sie formte ihre Hand zu einer „Schale“ und hielt sie uns hin. Der Junge fuchtelte mit den Armen, als wolle er uns ein Zeichen geben. Ich hatte so ein schlechtes Gewissen! Wir saßen in einem gekühlten Auto, hatten einen vollen Magen und die armen Kinder hungerten in der bestialischen Hitze. Das Mädchen klopfte erneut an die Scheibe, doch diesmal etwas kräftiger. Ich wollte ihnen Geld geben, doch jemand sagte, ich solle dies lassen. Die Ampel schaltete auf grün. Das Auto fuhr an, das Mädchen fing an, wie wild an die Scheibe zu schlagen, das Baby in ihrem Arm fing an zu plärren. Der Junge stand einfach nur da und guckte. Er hatte einen Gesichtsausdruck, als würde er gleich anfangen zu weinen. Der Junge, der vorhin total aktiv war und wie verrückt mit den Armen gewedelt hatte, stand einfach nur regungslos da. Das Auto fuhr schneller und das Mädchen lief noch ein Stückchen mit, immer noch die Hände an der Scheibe. Doch dann blieb sie stehen. Sie war ganz außer sich und ich konnte an ihrem Gesicht erkennen, dass sie schimpfte! Ihre Stimme, die eigentlich so zart war, passte gar nicht zu ihrem Gesichtsausdruck! Sie hob ihre Faust, als könne sie uns etwas tun. Ich schaute hinten aus dem Fenster und sah zu, wie die Kinder immer kleiner wurden. Das Mädchen hatte immer noch ihre Faust erhoben. Ich konnte sie fast nicht mehr erkennen, doch ich erkannte dass das Mädchen sich nun beruhigt hatte und sich dem schreienden Baby widmete. Das schlechte Gewissen plagte mich! Ich drehte mich noch einmal nach hinten. Das Auto fuhr um die Ecke und ich verlor die Straßenkinder aus den Augen…

 

Dieses Geschehen hatte mich zum Nachdenken gebracht. Es „brannte mir unter den Nägeln“ und die Erinnerung daran schwirrt jetzt noch in meinen Kopf herum. Den Text, den ich daraus verfasst habe, schickte ich zum 49. Schülerwettbewerb zur Förderung der politischen Bildung des Landtags Baden-Württemberg und errang einen erfolgreichen dritten Platz.

                                                                                                                     

23.05.2018