Wiederbelebte Kindheitserinnerungen

auf der Loire

 

Von Nina Ewers zum Rode

Am Ufer des Doubs, wo mein Freund Antoine und ich die warme Nacht verbringen, notiere ich folgende Vorreflexion:

Was erwarte ich mir von knapp 650 Kilometern Loire? ( Übrigens: es sollten nur 347 km werden.) Ich wünsche mir, dass die Ruhe und innere Harmonie des schweigenden Flusses auf mich abfärben und mir auf diese Weise zu mehr Gelassenheit und Ausgeglichenheit verhelfen werden. Ebenso ist es mir ein Bedürfnis, endlich „by fair means“ zu reisen und die Spritschleuder am Flussufer zurückzulassen. Ich kenne das Kanufahren, seit ich krabbeln kann, habe jedes Jahr vor allem mit Vater und Bruder längere Touren, Gepäckfahrten, erlebt, doch nun selbst zu entscheiden, wann es wohin losgeht, dem eigenen Gefühl und Kopf zu folgen, beschert mir ein wunderbares Gefühl der Freiheit, das ich sehr genieße. Ganz eintauchen in das ursprüngliche Leben draußen, jede Nacht unterm Tarp (Plane aus Zeltstoff) verbringen, bei Sturmwind, Gewitter und Hitze auf und an dem Fluss leben – das will ich!

 

Start bei sehr gutem Pegel

 

Erste Bewährungsprobe bestanden: Nachdem wir unser Auto bei der Capitainerie am Hafen, dem „Port de Plaisance“ in Roanne, zurückgelassen haben, starten wir bei schwüler Luft und sehr gutem Wasserstand in ein paar flotte Schwälle. (Achtung: Bei Niedrigwasser wäre das Vorhaben, ab Roanne sofort in die Loire zu starten, wegen Umtragungen mühsam! Es ist eine gute Alternative, den „Canal de Roanne à Digoin“ zu befahren, sich zwei Mal schleusen zu lassen und ca. 1,2 km nach dem Yachthafen von Briennon bei km 304 durch lichtes Unterholz in die Loire einzusetzen, da sich dort die Loire und der Kanal sehr nahe kommen.)

Der erste Versuch, das Tarp aufzubauen, gerät durch Gewitter zur Nervenprobe; die Häringe halten im aufgeweichten Boden nicht. Antoine behält im Gegensatz zu mir einen kühlen Kopf und befestigt unser Zelt ohne Wände mit herumliegenden Ästen. Ihm gefällt es augenscheinlich, wieder „Zuhause“ zu sein, denn er ist Franzose – dieses Mal auf Entdeckungsreise im eigenen Land. Dieses ist seine erste mehrtägige Gepäckfahrt, worauf wir uns schon seit unserem Kennenlernen im Herbst des vergangenen Jahres freuen.

 

Wolken brechen auseinander auf uns drauf

in uns hinein.

Wer kommt uns retten?

 

 

Der Traum

 

Draußen herrscht der Regenkönig mit unerbittlichem Zorn.

Die Vögel, klatschnass, singen nicht mehr.

Die Flüsse sind randvoll, der Meeresspiegel steigt,

wir müssen das Lager abbrechen, aufbrechen zu neuen Horizonten,

nicht zusammenbrechen. Pitschepatschenass im Regen,

bis das Dach endlich hält vergehen

bis ich endlich im weichen warmen Schlafsack

liege, Romantik und Geborgenheit die Knochen heraufgekrochen kommen.

Langsam, ganz langsam, schleichend, Schlaf.

    Mit geschlossenen Augen in der Sonne stehen, aufgewärmt

    werden mit Licht, Energie, SOLARenergie –

    überm Wasser liegen kleine Funkelstrahlen –

    behäbig hineingleiten, sich rundum ruhig fühlen,

    aufgenommen in den Schoß, hineingeboren, von vielen Herzen erwartet,

    herzlich gelacht, ich komme.

 

Doch nach dem Frühstücken wieder Regenschauer und Gewitter, schwarze Wolken drohen warnend; die rasch anschwellende Loire zwingt uns, dem eindrucksvollen Zug an Schwemmholz, der an uns vorbeitreibt, halben oder ganzen Bäumen, zu folgen und unseren Lagerplatz, der am Absaufen ist, schleunigst zu verlassen. So stark wirken sich der „Schwallbetrieb“ des Kraftwerk Villerest 35 Kilometer flussaufwärts und der nicht enden wollende Regen hier aus. 

 

Die nächsten Tage werden schön, doch immer schleicht sich nachts die hämisch drohende Sorge vor einer herannahenden, neugierigen Herde von Charolais-Kühen mit schnaubendem Stier an. An beinahe jedem Ufer käuen sie gemütlich-gelangweilt wieder. Zwar ist mir die Charolais-Herde meines Vaters zu Hause recht vertraut, doch weiß ich auch um die Schreckhaftigkeit und Tollpatschigkeit dieser neugierigen Fleischberge. Und tatsächlich werden wir einmal von vielen weißen Köpfen geweckt; wir liegen direkt auf dem Weg zur ihrer Tränke, der Loire. Zwar sind diese hier scheu und halten Abstand, aber wir sind trotzdem schon hektisch und verschlafen um kurz vor acht Uhr auf dem Wasser und genießen die weiten Schleifen und imposanten steilufrigen Abbrüche der Loire, beobachten den Wechsel der sandigen Ufer, großen Kiesbänke und Auwälder und navigieren vorbei an wilden Inseln, wo mich mein Herzklopfen an Kinderabenteuer in wilder, unberührter Natur an diesen paradiesischen Loirestränden erinnert. Lagerfeuerromantik! Herrlich! Ich fühle mich gut und frei und spüre eine unbeschreibliche Harmonie mit mir selbst und meiner Umgebung.

 

Ronja Räubertochter

 

Nachdem wir das Wehr in Decize links umtragen haben und erneuter Regen unsere Weiterfahrt verzögert hat, finden wir den tollsten Lagerplatz, den man sich vorstellen kann: Am linken Ufer kommt ein Baumhaus in Sicht und Träume auf. Wir speisen unter einem Dach und wohnen zweistöckig wie die Kinder (oder Räuber) im Baum.

Am nächsten Tag brennt uns endlich die längst erwartete Sonne aufs Haupt. Wir flüchten uns vor ihr in die wohlige Kühle der Kathedrale in Nevers. Später im Supermarché, der im Untergeschoss liegt, höre ich dumpfes Prasseln; patschnasse Mädchen keuchen an uns vorbei und streifen sich die Nässe aus den Haaren; die Kassen fallen aus, weil Regen ins Gebäude gedrungen ist. Nach dem Unwetter marschieren wir in Sorge zum Kanuklub, wo wir unseren William ohne weise Voraussicht unangebunden am Ufer liegen gelassen haben. Dort bietet sich ein Bild der Zerstörung. Jetzt ergibt das sarkastische: „Stellt euch gut unter!“ des Barbesitzers einen Sinn: Mehrere ausgewachsene Uferbäume liegen umgestürzt und vollkommen entwurzelt auf der Wiese, der größte direkt neben unserem Boot, das keinen Kratzer abbekommen hat. Unterm Tarp, mit dem wir das Gepäck abgedeckt haben, liegen noch die trockenen Pullover. Neben uns rauscht die Polizei von Nevers an einem Rettungswagen vorbei. Leicht geschockt machen wir uns ans Umtragen der gewaltigen Steinbrücke von Nevers, was wunderbar klappt, indem wir den Fahrradweg mit unserem Bootswagen blockieren. An der Einsetzstelle erzähle ich Antoine, dass ich hier vor einigen Jahren schon einmal mit meiner Paddelfamilie unter sengender Sonne gekocht habe und dass wir danach in Kindermanier im Schlamm gespielt haben. Noch einen Paddelkilometer, dann schlagen wir unser Tarp links auf einer Insel auf und baden in der Abendsonne. Von wegen „kaum Zeltmöglichkeiten nach Nevers“!  

Mittlerweile ist die Loire richtig breit geworden, vor allem durch den Zustrom des fast gleich großen Allier nach Nevers. Immerzu teilen nun Inseln den Fluss und man muss aufpassen, den richtigen Arm zu erwischen, weil man sich ansonsten leicht in eine Sackgasse begibt. Genau so habe ich es schon ein paarmal erlebt: Baden, Waschen und Spülen im Fluss, Sand in den Haaren und in den Töpfen; gelegentlich Landgänge, z.B. in la Charité-sur-Loire, einer „Stadt der Bücher“ mit etlichen Buchhandlungen, als Blitzrückkehr in die Zivilisation, wo wir geschickt die typische Regenzeit, nämlich den Spätnachmittag, unter dem Vordach eines Irish Pub verbringen. In der Nacht, bei heiserem Fuchsgebell und dem platschenden Bad eines größeren Tieres, vielleicht eines Bibers, träume ich meine eigene, wilde Seite herbei, sehe mit geschlossenen Augen, wie sie erwacht, auflebt und glitzert, wie es ihr gut geht und wie sie gedeiht…

 

Widrige Umstände

 

Am 23. Juni notiere ich: „So, mittlerweile wird es anstrengend, für den Körper ebenso wie für die Nerven. Antoine hat einen Hexenschuss und ich bin genauso fertig. Die wildromantischen Kinder- und Traumvorstellungen vom naturnahen, freien Leben weichen der Realität. Ich bin weder ernüchtert noch gewillt, aufzugeben, doch ich weiß, dass die gestern im gemieteten Wohnwagen verbrachte Nacht hier in Briare-le-Canal auf dem Campingplatz einfach nötig war.“

Denn am 21. Juni, dem Tag des Sommeranfanges, waren die Temperaturen von schwülwarm auf durchschnittliche Juniwerte gefallen. Trotzdem lege ich die Hesse-Biographie beiseite und lasse mich sanft ins milde Loirewasser gleiten. Hesse hatte es bei seinem täglichen Morgenbad im kalten Rhein etwas härter. Mit geschlossenen Augen lasse ich mich im seichten Wasser treiben, fühle mich vom halb warmem Wasser weich umgeben. Mein Morgenwaschgang gerät zur Wonne.

Nach Sancerre, das herrschaftlich-feudal auf einem Berg liegt, kaufen wir in Saint-Thibault ein und kosten Käse und Brot am Ufer der dort mündenden Vaucize.

Wir beabsichtigen, noch vor dem immer näher rückenden Kernkraftwerk zu nächtigen. Da treffen wir eine Gruppe von vier anderen Paddlern – die erste „richtige“ Paddlerbekanntschaft auf unserer Fahrt, und noch dazu sind es wahre Kenner der französischen Gewässerlandschaft! Wir teilen Wein und Abendessen mit den Kameraden, und als ich nach ihrer Vereinszugehörigkeit frage, behaupten sie: „Nous, on n´est que des sauvages!“ und gleich darauf beweisen sie ihre „Wildheit“, indem sie ein riesiges Lagerfeuer entzünden, an dem wir uns nach dem göttlichen Sonnenuntergang wärmen. Anderntags fahren wir gemeinsam bis zum besagten Briare, doch zuvor werden wir am AKW freundlicherweise geschleust und gleich darauf von Regen und Wind überfallen. Das ist der Grund, warum wir in dem schönen, verträumten Städtchen Briare-le-Canal nach der Unterquerung des Kanals, der als Brücke hoch über die Loire geführt wird, rechts an Land gehen und sehr bald dankbar einschlafen, ganz ungewohnt, „zivilisiert“ zwischen vier Wohnwagenwänden.

Anderntags geht es mit frisch gekaufter Regenkleidung aufs Wasser. Aber jetzt kommt Wind auf und wir haben beide gehörige Schwierigkeiten beim Steuern. Deshalb sitzen wir bald ungewollt in Chataeuneuf-sur-Loire fest und essen in einem leeren Festzelt am Ufer mürrisch Schokolade. Draußen brausen wilde Wolken vorbei und Surfer fegen über die spitz gezackten Wellen und an unserem „William“ vorbei, der ungeduldig wartend brachliegt. Gegen den Wind kommen selbst die Möwen nur mühsam an – wie wollen wir mit unserem „Lastkahn“ da vorwärts und nicht rückwärts fahren? Gien ein paar Kilometer flussaufwärts ist noch sonntagsverschlafen und ruhig dagelegen; von hier aus konnte man schon wieder vier riesige Kühltürme sehen, für mich nochmals eine heftige Störung der Idylle auf dem schönen Fluss. Auch dort, am AKW Dampierre-en-Burly, das stolz-arrogant ins Blaue hineinragt, habe ich mich seltsam unheimlich gefühlt; Gudrun Pausewangs „Die Wolke“ lässt grüßen. Als Kind sind mir diese hässlichen Bildstörungen kaum aufgefallen, da hatten sie noch keinerlei vitale oder gar politische Bedeutung.

In einer Linkskurve, in der die Kühltürme von Bäumen verdeckt werden, haben wir Chapati mit Gemüse gekocht und ich habe jeden Bissen mit geschlossenen Augen genossen. Später habe ich die Sandufer der Insel erkundet und am Abend im Alleingang das Schloss in Sully-sur-Loire besichtigt, eines der wenigen Schlösser, das von einem breiten Wassergraben umgeben ist.

In der Nacht aber hat sich ein kräftiger Wind erhoben und gefährlich an unserem Tarp gerüttelt…

 

Abbruch in Orléans

 

Auf einer Sandbank wenige Kilometer vor Orléans ist klar: Wir brechen die Tour morgen ab. Antoine ruft seine Mutter in Rouen an, die wir danach besuchen wollen. Traurig bin ich und müde; und schwer nehme ich Abschied von „meiner“ Loire:

 

Schwere Wolken ziehen übers Land – heiho!

Darunter sitzen müde schnaufend, ständig Töpfe spülend,

wild gegen den wütenden Westwind Ankämpfende.

Wo kommen sie her? – aus Roanne.

Wo wollen sie hin? – nach Nantes.

Sollen wir uns da nicht besser in der Mitte treffen und

Orléans nach dem Weg fragen?

 

Weine eine Träne morgen zum Abschied,

guter, treuer Fluss.

Jetzt, wo die Sonne

auf mein Papier scheint, würde ich dich gerne

umarmen, doch du bist zu kalt,

an diesem Juniabend.

 

Unbarmherzig schaut dein altes, schmoddriges Gesicht,

kalt und kalt.

Bis zum Sturm liege ich an deinen streichelweichen Stränden

in der Sonne, blinzle vergnügt in dein Antlitz.

Bis zum nächsten Sonnenstrahl heule ich Verzweiflung

in die prasselnde Regennacht.

 

Aufgehen in dir, mich hineinwerfen und bleiben,

aufgenommen, mitfortgerissen, mitgeschwemmt

werden, bis nichts mehr übrig bleibt,

bis eins ist.

Immerfort fort von hier, weg von hier, weiter, nichts bleibt

liegen an Ort oder Stelle. Mitgenommen,

Sand, Stein; Ast, Stamm; Kadaver, Müll und Ball.

 

Seelenverbunden, ineinander verschlungen

in dein azurnes Wasser im Sommer,

deine Schlickschwemme,

deine braune Brühe bei Hochwasser,

deine kleinen, süßen Seitenarme spielen mit Ufern.

Spiele bis zum nächsten Mal, bald

sehen wir uns wieder.

 

23.05.2018